An(ge)dacht: Von Eugen Gauss - Mathematik und dem Umgang miteinander

 

Liebe Gemeindeglieder, liebe Leserinnen und Leser!
Erinnern Sie sich noch an den letzten Zehnmarkschein? Carl Friedrich Gauss war darauf abgebildet. Richtig, das ist der, den wir aus dem Mathe-Unterricht kennen. Nach seinem Sohn Eugen ist in Belsen eine Straße benannt. Links neben seinem Portrait ist die von ihm errechnete Glockenkurve zur Normalverteilung zu sehen. Uns wurde das anschaulich mit einer Schüssel Erbsen erklärt. Wenn man sie vorsichtig ausleert, bleiben die meisten auf einem Haufen liegen, einige rollen etwas weiter und ein paar wenige liegen sehr weit weg.
Sind wir nicht alle wie solche Erbsen, individuelle Persönlichkeiten, die einen nahe bei der Mitte, manche auch ein wenig weiter weggerollt? Und sehr weit weg liegen die besonderen Persönlichkeiten – teilweise auch besonders schwierig und anstrengend im Umgang.
Beim Männerpilgern im Mai sind wir eine gewisse Strecke schweigend und alleine gegangen. Jeder konnte sich in Ruhe Gedanken machen und auf Gott hören. Mir ist dabei ständig dieser Vergleich mit den Erbsen in den Sinn gekommen, den ich einmal bei einem Vortrag gehört hatte. Dabei sind auch erste Ideen zu diesem Impuls entstanden. Das Thema hat mich seither immer wieder bewegt und ich habe mir ein paar Dinge vorgenommen:
Mutig sein! Mich nerven Leute, die meinen, alles besser zu wissen und ständig ungefragt ihre vermeintlich klugen Ratschläge erteilen. So will ich nicht sein. Aber das führt dazu, dass ich oft etwas runterschlucke, anstatt es offen anzusprechen. So wie es Kurt Rommel in seinem Lied beschreibt: „Ich rede, wenn ich schweigen sollte, und wenn ich etwas sagen sollte, dann bin ich plötzlich stumm“. Ich habe Skrupel, mich in das Leben anderer einzumischen. Es ist auch viel bequemer, Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen – aber ist es auch fair? Manchmal beneide ich meine Frau und meine Kinder, die oft mehr Mut und ein viel besseres Gespür haben. „Ermahnt einander in aller Weisheit“ - Gott hilf mir, das rechte Maß zu finden - und den richtigen Ton.
In Liebe! An der Supermarktkasse hat der Herr vor mir seinen Einkauf sehr umständlich in den Wagen zurückgeräumt. Die Schlange war lang und ich hatte nur zwei Produkte gekauft. Also hat sie die Kassiererin schon mal über den Scanner gezogen und mir direkt in die Hand gegeben, ohne dabei den Herrn zu behindern. Trotzdem hat er sie angepöbelt und zur Schnecke gemacht. Das hat mich geärgert und ich bin der Kassiererin beigestanden. Besonders höflich waren meine Worte allerdings auch nicht. Kolosser 3,12 bis 17 war unser Trautext. Wir sollen Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und über alles die Liebe anziehen, heißt es darin.
Die Erbsen anderer scheinen manchmal extrem weit weggekullert zu sein. Vielleicht ist das aber auch eine Frage der Perspektive: Liegt der andere weit von der Mitte oder ich? Möglicherweise sind auch beide gar nicht so weit von der Norm entfernt, aber in gegensätzlicher Richtung? Früher dachten die Gelehrten, die Erde sei das Zentrum des Universums. Dieses Weltbild ist überholt. Dennoch: halten wir uns selbst nicht oft für den Mittelpunkt der Welt? Darum will ich erkennen, wenn der andere es gut mit mir meint und nicht gleich in Abwehrhaltung gehen und mich angegriffen fühlen, sondern offen sein und Anregungen annehmen!
Empathie üben! In einer hitzigen TV-Talkrunde forderte ein Politiker von seiner Konkurrentin: „Sie sollten sich wenigstens für einen kurzen Augenblick vorstellen, dass die anderen auch Recht haben könnten“. Sich in andere hineinversetzen, ihren Standpunkt und Blickwinkel einnehmen, kann helfen (Über-) Reaktionen zu verstehen und ein übereiltes (Vor-)Urteil zu vermeiden. Dann gelingt es uns besser, zu helfen und in Liebe und Weisheit zu ermahnen.
Gnade haben! „Man solle Gnade haben und ein weites Herz für die jeweils Andersdenkenden“ mahnte unser Bischof nach einem Beschluss der Landessynode zu einem stark umstrittenen Thema. Gnade und ein weites Herz will auch ich haben für die „sehr weit weg gerollten Erbsen“, die mir in meinem Leben hier und da begegnen. „Ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander“ auch das steht in dem Kolossertext.
Haben Sie Lust bekommen, einmal die komplette Bibelstelle nachzulesen? Vielleicht teilen Sie ja die guten Vorsätze und denken ab und zu daran - am besten nicht nur beim „Broggele laifala“.
Es grüßt Sie herzlich
Horts Rempfer