Nähme ich Flügel der Morgenröte - Andacht 08/09-2019

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,

so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

Psalm 139, 9 und 10

Zu meiner Konfirmation habe ich von meiner Tante ein selbstgemachtes Büchlein über den Psalm 139 geschenkt bekommen. Seither ist das mein Lieblingspsalm.

Und besonders diese beiden Verse 9 und 10 lassen mich seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr los. Nicht nur, weil „nähme ich Flügel der Morgenröte“ so wunderschön poetisch klingt, sondern weil ich das darin besungene Geführt- und Gehaltensein auch in meinem Leben erfahren durfte.

Da waren die Zeiten, in denen ich mich immer mehr entfernt habe von Gott. In denen alles andere wichtiger war als Bibellesen, Gottesdienstbesuche und Gemeindeleben. Und das nach so vielen Jahren engagierter Mitarbeit in der Kinderkirche und im CVJM! Sicherlich, der Glaube an Gott war noch da und hin und wieder auch das Reden mit ihm im Gebet. Aber es stand für mich nicht mehr im Vordergrund. Als ich dann vor 18 Jahren angefragt wurde, für den Kirchengemeinderat zu kandidieren, war meine erste Reaktion auch ein überzeugtes „Nein“. Ich war zwischenzeitlich so weit entfernt vom Gemeindeleben und auch in meinem eigenen Glaubensleben „am äußersten Meer“ – wie könnte ich mir anmaßen, ein solch wichtiges Amt auszufüllen. Drei Monate später saß ich bei einer Hochzeit in der Belsener Kirche. Während der Predigt wurde mir plötzlich klar, dass es für mich richtig und wichtig wäre, für den Kirchengemeinderat zu kandidieren und so die Chance zu bekommen, mein eigenes Leben wieder bewusst unter Gottes Führung zu stellen und durch meine Mitarbeit in der Gemeinde ihm und den Menschen zu dienen. Noch heute bin ich jeden Tag dankbar dafür, dass Gott mich nicht losgelassen, sondern zurückgeholt hat.

Bestimmt kennen auch Sie Tage und Situationen, in denen Ihnen diese beiden Verse mit ihrer Gewissheit „Gott ist da“ Trost und Sicherheit geben.

Da sind die Kinder, die man als Eltern ein Leben lang beschützen will. Sie gehen irgendwann ihre eigenen Wege, und wir müssen sie loslassen. Aber auch hier erinnert uns der Psalm daran, dass GOTT mit ihnen sein wird und sie von ihm gehalten werden. Und das ist gut so.

Da kommen ganz dunkle Stunden der äußersten Verzweiflung und Angst. Stunden, in denen man gefangen ist von dem Gedanken, dass niemand mehr einen hört oder trösten kann – aber GOTT ist da und er hält uns.

GOTT hält UNS!

Er hält seine Hand über uns - und wir dürfen uns behütet und geborgen wissen. Er streckt uns seine Hand entgegen - wir müssen sie nur ergreifen. Und damit eine Beziehung mit ihm eingehen.

Und dann hält ER uns an der Hand und lässt uns nicht mehr los, auch in Zeiten, in denen wir uns von ihm entfernen! Ganz egal, wohin wir gehen – ER ist da!

Ich wünsche uns allen, dass wir diese Erfahrung immer wieder mit Gott machen dürfen und grüße Sie herzlich mit Worten von Bernhard von Clairvaux:

Er ist schon da!

Der dich getragen, geprägt, geführt und befreit hat.

Er ist schon dort.

Geh mit ihm.

Erfahr ihn, wie du es nicht geglaubt.

Er ist schon dort.

Der dich in Ungeahntes, Neues führt.

Er ist schon dort.

   Geh – du bist nicht verlassen.
 
Ihre Birgitta Rath