An(ge)dacht November 2018: Der Herr gebe dir Frieden!

 

Liebe Gemeindeglieder, liebe Leserinnen und Leser des Gemeindebriefs!

Der Volkstrauertag ist in Deutschland ein staatlicher Gedenktag und gehört zu den sogenannten stillen Tagen.

 


Er wird seit 1952 zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag begangen und erinnert an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltbereitschaft und Gewaltherrschaft aller Nationen“ so kann man in Wikipedia nachlesen. Ursprünglich war der Volkstrauertag bereits 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges vorgeschlagen worden. Vielerorts finden an diesem Tag Gedenkfeiern an den Gefallenenmahnmalen statt. Dabei erklingt meist auch das Lied „Der gute Kamerad“ (1809 von Ludwig Uhland gedichtet, vertont 1825 von Friedrich Silcher, beide in Tübingen lebend). Der Text beschreibt aus Sicht eines Soldaten, wie dessen bester Freund an seiner Seite fällt „gilt’s mir oder gilt es dir? Ihn hat es weggerissen“. Ich habe das Lied schon oft mit dem Posaunenchor gespielt. Manchmal wird diskutiert, ob das noch zeitgemäß sei. Wie man dazu steht, hängt vermutlich maßgeblich davon ab, was man damit verbindet. Für mich macht es ein Schicksal konkret. Der Kamerad - das ist keine anonyme, abstrakte Existenz, nicht nur eine nüchterne Zahl in einer grausamen Statistik, sondern ein Mensch wie du und ich; mein Nachbar, mein Freund, mein Kind; mit Zukunftsplänen, Alltagssorgen und Hoffnungen. Wenn ich die Namen und Daten auf den Gedenktafeln lese und sehe, wie jung diese Menschen aus dem Leben gerissen wurden, frage ich mich, was ohne diese Kriege wohl aus ihnen geworden wäre? Als Siebzehnjährige war meine Großmutter beim Stadtpfarrer von Ebingen „im Dienst“. Dort hat sie 1918 ein Brief aus Öschingen erreicht, den sie mir früher manchmal zeigte. Die Eltern ihres zwei Jahre älteren Freundes schrieben ihr in bewegenden Worten, wie gerne sie meine Großmutter als Schwiegertochter gehabt hätten, der Sohn aber nun gefallen sei. So war ihre große Liebe vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte. Wenn mein Vater mich als Kind ins Bett gebracht hat, habe ich ihn oft gebeten, etwas vom Krieg zu erzählen. Mit sechzehn war er als Soldat eingezogen worden – jünger als mein Sohn heute ist. Unvorstellbar, was diese Jugendlichen damals durchgemacht haben. Er hatte sein Leben lang einen Granatsplitter im Nacken, der nicht herausoperiert werden konnte, weil er zu nah an der Wirbelsäule saß. Doch vielleicht hat ihn gerade diese Verwundung gerettet, weil er dann für einige Zeit weg von der Front in ein Lazarett kam.

Mir ist es wichtig, meinen Kindern die Familiengeschichte weiterzugeben und ich finde es gut, dass sie in der Schule Bücher lesen wie „Im Westen nichts Neues“, in dem der Autor seine Erlebnisse als Soldat im ersten Weltkrieg verarbeitet. Oder das Buch: „Wir tanzen nicht nach Führers Pfeife“, ein Tatsachenroman über eine Kölner Jugendgruppe im Dritten Reich. Oder: „Krücke“, die Erzählung eines Jungen, der auf der Flucht von seiner Mutter getrennt wurde und sich gemeinsam mit einem Kriegsversehrten durch das Nachkriegsdeutschland schlägt.

Solche Bücher machen Geschichte real und helfen, sich in Menschenleben und Schicksale hineinzuversetzen.

„… und gebe dir Frieden.“ Das sind die letzten Worte, die in einem Gottesdienst gesprochen werden. Darauf folgt nur noch das gesungene dreifache Amen als Bekräftigung. An was denken Sie dabei zuerst? An den inneren Frieden, Zufriedenheit? An den Frieden untereinander, ein einträchtiges Miteinander? Ich muss eingestehen, Frieden im Sinne von „kein Krieg“ fällt mir als letztes ein. Doch wir sollten uns bewusst machen, welch hohes Gut Frieden ist und ihn nicht für selbstverständlich erachten. Die Vergangenheit – auch die jüngere – lehrt uns, wie fragil ein sicher geglaubter Frieden sein kann. Seien wir Gott dankbar, für die lange Zeit des Friedens in unserem Land und beten für dessen Erhalt.

Der HERR erhebe sein Angesicht über uns und gebe uns Frieden.

 

 

 

 

 

Horst Rempfer

 

Es grüßt Sie herzlich