Bruder Martinus - Geschichte und Geschichten III

„…der guten Mär bring ich so viel, davon ich singen und sagen will.“

So spricht der Verkündigungsengel in Luthers bekanntem Weihnachtslied. Die gute Mär – also die gute Nachricht - zu singen und zu sagen, sie in Wort und Lied zu verkündigen, das war Martin Luthers Anliegen. Als „Torgauer Formel“ ist ein Satz aus seiner Predigt zur Einweihung der dortigen Schlosskapelle bekannt: „Es soll dies Haus dahin gerichtet sein, dass nicht anderes darin geschehe, denn dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir wiederrum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang.“ Luther maß der Musik hohe Bedeutung bei, weil sie, wie er sagt: „…den Teufeln zuwider und unerträglich sei und solches vermag, was nur die Theologie sonst verschafft, nämlich die Ruhe und ein fröhliches Gemüte.“

Ich bin mir nicht sicher ob Bruder Martinus, angesichts der Vielfalt der heu-tigen Musikstile, uneingeschränkt an dieser Einschätzung festhalten würde. Dennoch kann ich sie aus eigener Erfahrung bestätigen: Ich arbeitete auf der Baustelle an der Renovierung unseres Hauses. An diesem Tag ist nichts so gelungen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ständig ergaben sich neue Probleme. Ich hatte miese Laune und habe die ganze Zeit vor mich hin geschimpft. Irgendwann habe ich dann eine CD abgespielt. Die Arbeit ist dadurch nicht einfacher geworden und es hat auch nicht besser geklappt. Aber ich bin gelassen geworden. Unbewusst habe ich nicht mehr gemault sondern die Lieder mitgesummt und -gesungen. Nicht ohne Grund also wollte Martin Luther daher: „…alle Künste, sonderlich die Musica, gerne sehen im Dienst des, der sie gegeben und geschaffen hat.“ Er selbst war ein geübter Sänger und Lautenspieler.

Als jugendlicher Schüler hat er durch Kurrende-Singen zu seinem Lebensunterhalt beigetragen. Dabei sei er durch seine schöne Stimme und „seinen angenehmen Gesang“ aufgefallen. Und als er sich 1503 durch einen Unfall mit seinem eigenen Degen schwer verletzte und längere Zeit das Bett hüten musste, lernte er auf dem Krankenlager Laute zu spielen.

Luther im Kreise seiner Familie musizierend Gustav Spangenberg (Maler)

Der Reformator beklagte, dass in der Kirche „allein der Chor der Pfaffen singt“. Ihm war es wichtig, die Gemeinde aktiv am Gottesdienst zu beteiligen, in dem er die frühchristliche Praxis des Gemeindegesanges wiederbelebte. Er übersetzte lateinische Hymnen und passte bei Bedarf die Melodie an. Er schrieb geistliche Texte zu beliebten weltlichen Liedern und komponierte auch selbst. Das Singen wurde zu einer scharfen Waffe der Reformation. Mancherorts wurde ein altgläubiger Prediger mit „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ oder anderen Lutherliedern übertönt. Obwohl Martin Luther seine eigenen Werke zuweilen äußerst selbstkritisch als „garstige und schnöde Poeterey“ bezeichnet, haben wir ihm doch über 40 Lieder zu verdanken. Für mindestens 20 komponierte er die Melodien selbst. Immerhin 35 seiner Werke finden sich noch in unserem aktuellen Gesangbuch.

Horst Rempfer