An(ge)dacht im November 2016

… da ist Freiheit.

aus 2. Korinther 3,17

Liebe Gemeindeglieder, liebe Leserinnen und Leser des Gemeindebriefs,

zu seiner Konfirmation bekam ein Jugendlicher von seinem Patenonkel eine Reise auf den Spuren Martin Luthers geschenkt. Dazu durfte er auch noch einen Kumpel einladen. Die Wahl fiel auf meinen Sohn. Und so waren sie einige Tage unterwegs in Sachsen-Anhalt und Thüringen, haben Natur und Landschaft genossen, historische Wirkungsstätten Luthers wie Eisleben, Wittenberg, Erfurt oder die Wartburg gesehen und manch wissenswertes über den Reformator und seinen Glauben erfahren. Nach der Rückkehr gab es viel zu erzählen. Mit dem Onkel - einem Pfarrer - kam ich ins Gespräch über einen der von Luther vertretenen Glaubensgrundsätze: „sola scriptura“ (allein durch die Schrift). Wir waren beide fasziniert, mit welcher Konsequenz Luther dies umgesetzt hat. Er weigerte sich, seine Lehren zu widerrufen, wenn er nicht aus der Bibel heraus widerlegt würde. Und das in dem Wissen, dass dies - wie für viele andere vor ihm - seinen Tod bedeuten könnte. Dieses „sola scriptura“ würde er heute in manchen Aussagen und Entscheidungen auch innerhalb der Kirche vermissen, meinte der Onkel. In der Tat bedarf es Mut, sich gegen den allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Mainstream zu positionieren. Schnell wird man dann angegriffen. Oft ausgerechnet von denen, die sonst so vehement Toleranz gegenüber Andersdenkenden fordern. Doch: …da ist (Meinungs)Freiheit!

„Sola fide“ (allein durch den Glauben), „sola gratia“ (allein durch Gnade) und „solus Christus“ (allein Christus) lauten die weiteren der vier theologischen Grundsätze der Reformation. Diese Aussagen sind auch im Römerbrief zu finden. Mir gefällt Luthers Vorliebe für die Paulus-Briefe und ich teile sie mit ihm. In dem Spielfilm „Luther“ aus dem Jahr 2003 wird gut dargestellt, wie der Mönch Martin innerlich zerfressen wird und verzweifelt über der Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wie können wir sündigen Menschen vor ihm bestehen? Beim intensiven Studium des Römerbriefes erkennt er die Antwort, die nicht nur sein Leben verändert (Römer 1,17): Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): Der Gerechte wird aus Glauben leben. Diese Botschaft war Kern und Kraftquelle der Reformation. Und für sie gilt erst recht: …da ist (wahrhaftige) Freiheit!

Aus dieser Überzeugung heraus verfasste Martin Luther 95 Thesen zu Ablass und Buße, die er am Abend vor Allerheiligen 1517 in lateinischer Sprache an das Hauptportal der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen hat, um eine akademische Diskussion herbeizuführen.

Der Comedian Dr. Eckart von Hirschhausen witzelt, Luther habe damit Johann Tetzels Fundraising-Modell zerstört. Tatsächlich hat Luther an jenem Oktoberabend nicht ahnen können und sich wohl auch in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt, was er damit auslösen und bewirken würde.

2017 feiern wir 500 Jahre Reformation und der 31. Oktober wird ein bundesweiter Feiertag sein. „… da ist Freiheit“ lautet das Motto zum Reformationsjubiläum. Dem aufmerksamen Leser ist möglicherweise aufgefallen, dass es sich dabei um den verkürzten Monatsspruch für Oktober handelt, der bereits Grundlage für den Impuls im letzten Gemeindebrief war: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“

Luther hat Außergewöhnliches bewirkt, trotzdem war er nur Mensch - mit Stärken und Schwächen. Ihm wäre es vermutlich ein Anliegen, nicht seine Person sondern seine Glaubensüberzeugung in den Fokus zu rücken. Ich freue mich, dass bereits ab jetzt das Reformationsgeschehen und dessen Initiator auf vielfältigste Art und Weise ein Jahr lang besondere Beachtung finden. Wir wollen das Thema während der Winterkirche und in einem Glaubenskurs aufgreifen, Playmobil hat eine Lutherfigur herausgebracht, die Landeskirche hat eigens eine Internetseite eingerichtet, in unserer Stadtbücherei soll es eine Sonderausstellung geben… - ich bin gespannt, was uns begegnen wird. Seien wir offen dafür, denn: …da ist Freiheit!

Herzlich grüßt Sie,
Horst Rempfer